Sonntag, 17. Juni 2012

Der Todesvogel


Seit ein paar Tagen übernachtet Manka, die ca. 13-jährige Tochter einer Köchin von der Lodge bei uns. Sie leidet nun schon seit drei Monaten krank und auch das Bereden/Beschreien durch einen so genannten „Evangelisten“ konnte die Krankheit nicht von ihr lösen. Als ich nachfragte, warum sie nun bei uns schlafen würde, hieß es erst, dass sie bei uns schneller wieder gesund werden würde und ihre eigene Familie zu wenig Betten hätte. Das hat mich bei meiner ständig krakeelenden und unorganisierten Familie nicht überzeugt und ich habe noch einmal genauer nachgefragt. Gestern hieß es dann, dass ein Witchdoctor Manka einen bösen Zauber auferlegt hätte. Er hätte zu Mankas Haus einen verwünschten Vogel geschickt, der, wenn er schreit den Tod eines Menschen nach sich zieht. Nachdem ich in meinem Wörterbuch nachgeschlagen habe, wusste ich, dass es sich um eine Eule handelt. Klar auch in Märchenfilmen wird in diesen Vogel gerne etwas Böses interpretiert. Er erscheint nur nachts, hat große Augen und einen schaurigen Ruf. Weil der Witchdoctor diesen Vogel direkt auf Manka angesetzt hat, kann bisher auch nur sie daran sterben. Doch zur Vorsicht schlafen nun auch ihre ältere Schwester und deren halbjähriger Bruder bei uns. Der Witchdoctor könne diesen Vogel nicht wieder zurückrufen, auch wenn er wolle. Das heißt, dass sie nun wenigstens nachtsüber bei uns bleiben muss, bis sie sicher sein kann, dass der Vogel endgültig weitergeflogen ist und sie nicht mehr mit seinem Ruf töten kann. Ob sich das nun auf ein paar Tage oder den Rest ihres Lebens erstreckt, weiß keiner so genau. Tolle Sache.

Glück im Unglück ist, dass der Vogel nur auf sie angesetzt wurde. Denn wenn man eine Eule in einer Nachbarschaft sähe, dann könne es sein, dass nacheinander immer wieder einzelne Menschen ohne Anhaltspunkt sterben würden. Mein Gastbruder Erick hat beteuert, dass er schon von vieler solcher Geschichten gehört habe und alle bestätigten mir, dass die Schwester meiner Gastmutter den magischen Kräften solch einer Eule unterlegen gewesen und gestorben sei. Wenn also zu uns hier so eine Eule fliegt, dann müssen wir demnach entweder „der Gefahr“ ins Gesicht sehen oder alle flott umziehen… ;-)

Dass Menschen in Hyänen verwandelt werden können und dann beim Töten des Tieres der eigentliche Mensch stirbt, habe ich ja schon hingenommen. Auch dass man mit Hilfe eines verfluchten Gegenstandes vom Witchdoctor seinen Ehemann verhexen kann, wenn man diesen unter sein Kissen legt, ist mir bewusst und dass die Hände eines Albinos besondere Kräfte haben, wenn man sie abhackt ist mir auch nicht neu. Aber anstatt es dabei zu belassen gibt es immer wieder Teufelsaustreibungen und nun auch noch Eulen vor denen man sich in Acht nehmen muss. Auf meine Kritik hin, dass das alles großer Humbug sei, wurde mir von allen gesagt, dass in Tansania das Umgehen von magischen Dingen eben sehr groß sei und man sich in Acht nehmen müsse. Manchmal verstehe ich sie wirklich nicht, wir leben hier ja immerhin schon in einer Stadt. Dass es im Busch und Dorf anders zugeht, das ist klar. Jonas und Olga konnten mir von einem plötzlichen Tod eines Mannes berichten, der dann letztendlich die Verfluchung seiner Ehefrau zur Folge hatte und später noch die Ahnen um ein Urteil befragt wurden. Doch obwohl die meisten Menschen sehr fromm sind und meine Gastfamilie mit einem exemplarischen Beispiel voran geht, schenken sie trotzdem bösen Geistern, Flüchen und Witchdoctors ihren Glauben, da kann man nichts machen.

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