Sonntag, 26. August 2012

Gerührt, umgerührt


Manch einer erinnert sich vielleicht noch daran, dass ich in meinen letzten Wochen in Tansania einen Workshop zu dem Thema „Eine Woche ohne Stock“ durchgeführt habe. Das Ende dieser Projektwoche fiel leider so, dass ich meine Familie vom Flughafen abholen musste und somit keine abschließende Besprechung mehr mit den Lehrern machen konnte. Ein offizielles Feedback konnten die Lehrer mir so nicht mehr geben, doch habe ich von vielen gehört, dass Lehrer als auch Schüler begeistert waren.
Als ich nach einer Woche mit meiner Familie in die Schule kam, hatte mein Schulleiter meine selbst gemalten Plakate und Vermerkzettel durch getippte Zettel ersetzt. Als ich ihn erstaunt gefragt habe, was er damit machen wolle, hat er mir zu meiner Überraschung gesagt, dass er mein Projekt auf unbegrenzte Zeit weiterführen wolle!! Mir stiegen die Tränen in die Augen, als ich davon erfahren habe. Sollte es nun wirklich klappen und sich Schüler und Lehrer weiterhin gut darauf einlassen, dann gäbe es ab nun eine Schule in Tansania an der ohne Stockstrafe unterrichtet wird!
Wer weiß, wie lange die Lehrer durchhalten und nicht zum Stock greifen, doch erst einmal bin ich sehr positiv überrascht und freue mich riesig, dass mein Workshop/Projekt an meiner Schule Gehör gefunden hat! So einen Erfolg hatte ich nicht erwartet, wollte meiner Schule nicht irgendetwas aufzwingen, sondern den Stockgebrauch durch solche, am besten mehrmals durchgeführte Projektwochen, verringern und so versuchen Schülern und Lehrern die Möglichkeit zu geben, die gegenseitige Beziehung zu verbessern.
Doch nun kann ich wirklich sagen, dass ich meinem Kollegium die Anleitung gegeben habe und ein Jahr lang mit gutem Beispiel voran gegangen bin, sie sich letztendlich aber komplett selbst dazu entschlossen haben, das Projekt weiterzuführen, sogar in einer Woche, in der ich nicht einmal anwesend war.
Ein tansanischer Lehrer wäre vielleicht mit so einem Vorschlag verpönt worden, doch ich als ausländische Freiwillige hatte die Möglichkeit dazu. Ohne meinen weltoffenen und modern denkenden Schulleiter hätte ich dieses Projekt niemals durchführen können und er hat viel dazu beigetragen, dass mein Freiwilligendienst so schön war! Es ist nicht selbstverständlich, dass sich jemand so auf die Kultur eines anderen einlässt, wie es mein Schulleiter getan hat.

Mit einem weinenden und einem lachenden Auge - Abschied von Tansania

Familienbesuch
Über den Dächern Singidas
Meine Familie aus Deutschland hat mich für drei Wochen in Tansania besucht, um mein Zuhause der letzten elf Monate kennen zu lernen. Am Anfang waren wir von Montag bis Freitag in Kondoa und Haubi, des Partnerdistrikts der evangelischen Kirche Emsland-Bentheim und unserer Nikolaikirche in Papenburg. Es war ein schöner Besuch, aber leider haben sich die Tansanier sehr darauf ausgeruht, dass ich Kiswahili spreche, wodurch es für mich dann etwas anstrengend war ständig übersetzten zu müssen. Unter anderem konnten wir uns die „10-100.000“ Jahre alten „Kolo Rock Paintings“, Felsmalereien, ansehen.
Meine Gastmutter gab für meine Familie tansan. Kleidung in Auftrag
Auf dem Rückweg von Kondoa nach Singida (auf der Landkarte ein Katzensprung) hat unser Bus dann einen „Shorticuti“ (Abkürzung) genommen und wir sind sechs Stunden lang über eine schreckliche, nicht vorhandene Straße gebrettert. Wir waren alle sehr froh, als wir endlich angekommen waren. Aber immerhin konnte meine Familie sich nun vorstellen, wie es hier jenseits der Städte in den Dörfern aussieht. Es sind auch unzählige traditionell gekleidete Tansanier mitgereist, die mit Decke, großem Schmuck und Stock unterwegs waren. Die Zeit danach verbachten wir in meiner Gastfamilie.

Abschied nehmen und Lehrerstreik
In Singida begann nun meine letzte Schulwoche vor den Ferien und meiner Abreise, so musste ich als erstes in der Gesundheitsstation Ade sagen, dann im Kinderzentrum, bei der Schneiderin, die mir ein bisschen etwas beigebracht hat und dann am Freitag auch in der Schule bei meinen Klassen.
Letzter Schultag in der 4. Klasse: Uhren basteln!
Die gemeinsame Zeit mit meinen Schülern wurde zum Schluss recht knapp, weil die Lehrer in der Woche vor den großen Ferien plötzlich streikten. Sie sind zwar Staatsbeamte, doch bei ihrer niedrigen Bezahlung von 100€ Anfangsgehalt (Versicherungen usw. schon abgezogen), bis 200€ Schlussgehalt bei einer langen Lehrerlaufbahn, reicht das Geld oft nicht aus. Sie haben von der Regierung mindestens 100% ständigen Zuschuss verlangt, was diese bisher verweigerte. An diesem Freitag hat der Präsident zugestimmt, Verhandlungen anzufangen, doch werde das Gehalt nicht so weit erhöht werden können. Der Streik ist trotzdem beigelegt. Ansonsten könnte auch die Volkszählung diesen Monat, die von den Lehrern durchgeführt wird, nicht stattfinden.
Ich wollte meiner Familie eigentlich gerne zeigen, wo ich für so lange Zeit unterrichtet hatte, aber nun war auf einmal das Lehrerzimmer wie leer gefegt und ich habe nur den Schulleiter und ein paar Kinder angetroffen. So habe ich als einzige an diesem Tag unterrichtet. Am selben Abend wurde meine Schule als Beispiel für einen geglückten Streiktag in den nationalen Nachrichten gezeigt.

Zähneputzen will gelernt sein
An den darauf folgenden Tagen setzte sich der Streik fort, sodass ich nur noch an zwei weiteren Tagen in der Schule war, um mich von „meinen“ Kindern zu verabschieden und an einem Tag ein „Zahnputzprojekt“ durchzuführen. Mein Zahnarzt aus Papenburg war so lieb und hatte meinen Eltern Zahnbürsten und –pasta mit auf den Weg gegeben.
Ich zeige den Kindern wie man richtig putzt
So konnte ich zusätzlich mit einem großen Gebiss den Schülern der 4. bis 6. Klasse zeigen, wie man richtig die Zähne putzt. Manchmal ist es schon sehr verwundernswert, aber nach eigenen Angaben wussten die Kinder nicht wirklich, warum man sich die Zähne putzt. Des „Geruches“ wegen, war die Antwort. Deswegen putzen sich sehr viele Tansanier nur morgens die Zähne, verzichten aber darauf, es abends zu wiederholen.
Unser Zahnputzlied und kaufreundliches Essen
Zum ersten Mal hörten sie nun etwas von Bakterien und bekamen von mir gesagt, dass ständiger Zuckerkonsum nicht nur für den Körper, sondern auch für die Zähne schlecht sei. Damit die Kinder sich gut merken konnten, wo und wie man die Zähne putzen sollte, haben wir noch gemeinsam ein Zahnputz-Lied auf Kiswahili eingeübt, was Luise und Rike vorher schon gedichtet hatten. Es war ein tolles Projekt, nur durften manche Schüler/innen wegen des Ramadans sich nicht direkt die Zähne putzen, weil sie sonst auch Wasser zu sich nehmen würden. 
Abschied vom Staff im Kinderzentrum
Am Freitag habe ich mich dann unter tausendfachem Händeschütteln von meinen Klassen verabschiedet und bin mit meiner Familie noch ein letztes Mal nach Iguguno gefahren, um der Gastmutter von Luise und Rike „Tschüss“ zu sagen. Die beiden Mädchen sind schon seit zwei Wochen wieder zuhause, doch Mama Mwanga habe ich sehr ins Herz geschlossen und es war schön meiner Familie zu zeigen, wo ich so viele Wochenenden verbracht habe. ;-)





Das Kinder-Küchenteam aus dem Center
Abschied von Iguguno, im Schneidershop der Mama
Am Sa., dem 04.08.2012 fand die Abschiedsfeier meiner Lehrer, auf die ich mich schon lange gefreut hatte, statt. Es sollte um 16 Uhr losgehen, doch natürlich kam fast das ganze Kollegium weitaus zu spät, sodass wir 1,5 Stunden später mit der Hälfte der Lehrer anfingen und die Feier immer wieder von Neuankömmlingen unterbrochen wurde. Aber weil die Mehrheit immer zu spät zu  Verabredungen kommt, war ich schon darauf eingestellt, meine Familie hat das nicht verstanden. Sieht man einen festlich geschmückten, aber leeren Raum, dann feiern die Tansanier. ;-)
Nachdem sich jeder vorgestellt hatte, hat der Schulleiter den DJ gemimt, während der Rest im Raum herumtanzte. Zur Abschiedsgeschenkübergabe mussten wir uns dann mit unserer vierköpfigen Familie in die Mitte des Raumes stellen und wurden von meinem Kollegium tanzend umkreist. Sie haben uns die Geschenke überreicht, wir haben diese hochgehalten und unter lautem „Lululululu“ damit getanzt, um sie dann den Lehrern wieder zurückzugeben, die sie dann für uns auspackten.
Wir wurden in unsere Geschenke eingehüllt
Wir wurden alle sehr reichlich beschenkt und ich war froh, dass ich für das Lehrerzimmer ein Plakat mit den Fotos der Lehrer gestaltet hatte und jedem noch ein kleines Geschenk in die Hand drücke konnte. Mein Lehrerkollegium hat mir wirklich sehr viel bedeutet und ist immer da eingesprungen, wo meine Gastmutter versagt hat. Habe ich einen guten Schneider, ein neues Fahrradschloss, Ratschläge oder jemanden zum Reden gebraucht, dann habe ich bei ihnen immer Unterstützer gefunden. Ich habe es in keinem Fall bereut, mein Freiwilligenjahr an dieser Schule verbracht zu haben und würde mich auch immer wieder für sie entscheiden.
Schwerer Abschied von meiner Mama unter den Lehrern
Gen Schluss der Lehrerfeier habe ich dann von meinem Mentor erfahren, dass ich mich noch bei der Kolpingfamilie Singida verabschieden sollte. Durch die Kolping Jugendgeschmeinschaftsdienste bin ich ja schließlich hier, doch hat die Kolpingfamilie mich bei meiner Ankunft nicht willkommen geheißen und auch sonst hatte ich neben meinem Schneidern nichts mit Kolping zu tun. So hatte ich auch mit einer Abschiedsfeier nicht gerechnet und sie nicht in meinen Terminplan einkalkuliert, sodass ich am Sonntag packen und wir am Montag aufbrechen wollten. Zum Glück hatten wir die Buskarten noch nicht gekauft und konnten unserer Abreise noch einen Tag hinauszögern. Das war auch wichtig, denn am Sonntag trafen wir uns dann in dem Kolpingladen und haben dort mit der Kolpingfamilie (eine Gruppe aus Arbeitern, die zusammen Projekte durchführen, um Geld für Projekte zu sammeln) und Richard, meinem Mentor getroffen. Es gab Soda, wurde viel gesungen und meine deutsche Mama und ich haben jeder ein selbst gebatiktes Kleid der Kolpingschneiderin überreicht bekommen. Trotz der geplanten 15-minütigen Abschiedsfeier, wurden wir dann auch noch zum gemeinsamen Essen eingeladen und waren froh, als wir endlich um 16 Uhr zuhause waren und ich kaputt von allem feiern endlich anfangen wollte, zu packen. Doch da hatte mir meine Gastfamilie einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Mit der Familie zusammen draußen Ugali essen, sehr schön!
Denn zuhause wartete schon meine tansanische Verwandtschaft, mitsamt ihrer 20 Kinder, die alle durcheinander wuselten. Also nichts mit Packen, sondern es ging in die Vatcan Lodge (die Lodge meiner Gasteltern), wo wir mit der ganzen großen Familie meinen Abschied begehen sollten. Doch auch dies war natürlich wieder ein tansanisches Fest, weshalb wir erst nach knappen zwei Stunden eine Soda in die Hand bekamen, alle Platz genommen hatten und sich mein Gastvater überreden ließ, auch zur Feier dazu zustoßen anstatt mit seinen Brüdern draußen gemütlich ein Bier zu trinken.
Aufführung der Kinder
Nach mehreren technischen Schwierigkeiten mit der viel zu lauten Musikanlage, tanzten die Kinder mit einer Trommel in den Raum und haben uns (meine Familie und Richard, die wir an eine Art „Jurytisch/High Table“ sitzen mussten), verschiedene Lieder vorgesungen, in denen sie sagten, dass sie uns alle sehr vermissen würden. Danach haben sie noch ein kleines Theaterstück aufgeführt und ich habe einen Kuchen bekommen, den ich für alle Festgäste in winzige Stückchen schneiden sollte. War dies geschehen, kamen alle in einer Reihe zu meinem Tisch getanzt und ließen sich von mir füttern, bzw. haben als Dank unter „Lululululu“-Gerufe auch mir ein Stückchen Kuchen in den Mund geschoben.
Später tanzten wieder alle in einer Reihe auf unseren Tisch zu und haben uns in Glitzerpapier eingepackte Boxen überreicht. Wenn man bedenkt, dass das typisch tansanische Geschenk ein Stoff ist, den ich im Kindercenter und  bei den Lehrern auch schon bekommen habe, dann versteht man wahrscheinlich, warum ich mich besonders über mein Abschiedsgeschenk von der Familie gewundert habe. Ich habe also unter Klatschen, Singen und Gerufe meine Schachtel geöffnet und den braunen Umschlag herausgezogen und hochgehalten. Unter aller Augen habe ich dann das Geschenk geöffnet und hielt…Unterwäsche in der Hand! Da hat mir meine Gastfamilie doch glatt ganz schreckliche Unterwäsche mit Kühen drauf geschenkt, die ich dann in der großen Halle der Lodge auspacken musste und freudestrahlend zeigen sollte. Nach einem Jahr Zusammenleben, konnte sich meine Gastmutter also nichts Besseres vorstellen, als mir nach Deutschland Polyester-Unterwäsche mitzugeben. Ziemlich komisch. Vor allem, weil auch meine Mutter neben mir unter lautem Lachen rosa Unterhosen aus ihrer Schachtel zog. In Deutschland würde man sich wohl eher nicht trauen, bei einer großen Feier einer 50jährigen Frau öffentlich Unterwäsche zu schenken.^^
Koffer packen mit lauter tansanischen Stoffen!

Am Montag habe ich dann endlich Zeit zum 
Packen gehabt, am Dienstagmorgen, dem 07.08.,  habe ich mich dann unter Tränen von meiner Gastfamilie verabschiedet, die mir alle sehr ans Herz gewachsen sind. Vor allem meine Gastschwestern und die Hausmädchen werde ich sehr vermissen. Bis zum 10.08. war ich mit meiner Familie in Arusha, wir haben uns die trubelige Stadt angesehen und noch eine Safari im Tarangire Nationalpark gemacht. Am 11.08. ging es für uns morgens um 3 Uhr nachts los...nach Hause, auf das ich mich auch schon sehr gefreut habe! :-)