Dienstag, 21. Februar 2012

Geschlagen durch die Medien

Seit letztem Donnerstag steht bei uns an der Tafel im Lehrerzimmer, dass nur noch eingeschränkt geschlagen werden darf. Das bedeutet, dass der Lehrer erst ausgiebig mit dem Kind reden muss, Namen und Grund der Strafe in ein Buch eintragen muss und danach, wenn es ein Ernstfall ist, auch den Schüler mit dem Stock schlagen darf. Nun darf also nicht einfach bei der Morgenaufstellung geschlagen werden, werden das Kind zu spät kommt oder das äußerliche Erscheinungsbild nicht dem gewünschten entspricht. Ich freue mich sehr darüber, denn ich scheine endlich mit meinen Erklärungen, Verbesserungsvorschlägen usw. Anklang gefunden zu haben!
In den Tagen davor, hatte man Schüler, die geschwänzt hatten, im Lehrerzimmer von allen Seiten und mit mehreren Lehrern bloß gestellt, angeschrieen usw., weil man eine Antwort aus ihnen herausbekommen wollte. Als ich anmerkte, dass das selbst sogar bei Erwachsenen zu Tränen und Stummstellen führen könnte, bzw. es für keinen eine schöne Situation darstellt, hat man die Schüler danach zu mir an den Tisch geschickt, ich solle es besser machen. Keine von mir gewünschte Situation, aber sie wollten es so. Also habe ich die Kinder sich erst einmal hinsetzten lassen, ihnen ein Taschentuch gegeben, zur Ruhe kommen lassen und danach mit ihnen geredet. Blöd war nur, dass ich unter all den Tränen kaum ein Wort Kiswahili verstehen konnte. Zugleich hat sich das Kind trotzdem eingeschüchtert gefühlt, weil die anderen Lehrer weiterhin über den Schüler diskutiert haben. Aber es hat funktioniert. Als ich dann den Schulleiter fragte, ob wir nicht einen Raum einrichten könnten, wo man Gespräche mit Schülern führen könne, ohne, dass jeder Lehrer selbst noch einmal seinen Senf und Schlag dazu abgeben könne. So einen Raum gebe es, nur werde er nicht benutzt, war die Antwort. Na ja. Daraufhin hat er nun aber eben entschieden, dass jeder Lehrer dem beschriebenen Prozedere folgen muss, bevor er zum Stock greift. Finde ich gut! Und ich bin stolz darauf, dass ich Erfolg gehabt habe, indem ich nicht nachgelassen habe. :-)

Umso mehr habe ich mich gewundert, als ich heute kurz vor Ende der 2. Stunde aus der Nachbarklasse, der 6B, so ohrenbetäubendes Weinen und Schreien gehört habe, dass keiner meiner Schüler mir mehr zuhören konnte. Ich habe versucht, die Konzentration wieder auf die Tafel zu lenken, doch mir fiel auch das Fortfahren schwer. Des Weiteren kamen immer mehr Lehrer mit Stock aus dem Lehrerzimmer zur Klasse gelaufen und schienen auch ein paar Schüler zu strafen. Weil ich so sowieso nicht mehr unterrichten konnte, habe ich versucht meine Klasse abzulenken und wir haben im Kontrast zum Schreien aus dem Nebenraum „Mercy is falling“ gesungen, was vor dem Hintergrund schon etwas obszön war. Aber ein anderes Lied hatte ich ihnen noch nicht beigebracht. ;-)
Als ich dann nachher nach dem Grund der harten Strafe fragte, hieß es, dass ein paar Schüler den Lehrer beleidigt hätten und, dass zwei (männliche) Schüler im Unterricht hinter dem Rücken des Lehrers versucht hätten, miteinander zu schlafen. Schock! So etwas hätte ich von meiner alten 5. Klasse nicht gedacht. Eine krasse Sache. In Tansania ist es mit Gefängnisstrafe (laut Sr. B. bis zu lebenslänglich) verboten homosexuell zu sein und (gleichgeschlechtlichen) Verkehr im Klassenraum zu haben auch, wie man sich denken kann. Gott habe sich das nicht so vorgestellt, deswegen sei es nicht erlaubt, erklärte mir Sister Bernadetta heute. Ein Lehrer hat gedroht die Polizei zu rufen, aber ich gehe nicht davon aus, dass er es macht.
Der einzige Grund für das Verhalten der Kinder scheint zu sein, dass das schlechte tansanische Fernsehen einfach alles zeigt und davon viel. Ist es verpönt, kniefreie Kleidung zu tragen, tun sie’s im TV, zugleich zeigen sie viel über Hexendoktoren und wundersame Heilungen, Prostitution, Diebstahl, Mord und Todschlag, Fremdgehen und eben auch über Homosexualität. Der Fernsehzuschauer hat dann Grund genug sich aufzuregen und mit der ganzen Familie (selbst die Kleinsten schauen mit) sich darüber zu beklagen, wie schlecht manche Menschen oder das Fernsehen sind. Denn was sie im Fernsehen oder Radio sagen, dass ist wahr, ansonsten würde derjenige es ja gar nicht erst sagen. Dass ein Betrunkener zuerst mit einer Prostituierten geschlafen hat und danach neben einem Esel aufwachte, kam im Radio und bedeutet, dass eine magische Verwandlung stattgefunden hat, die nicht anzuzweifeln ist. Denn der Mann im Radio/TV weiß alles und lügt nicht.
So haben meine alten Schüler wohl herausfinden wollen, ob das wirklich funktioniert, was man im Fernsehen gezeigt hat. Ganz schön krass, der Einfluss der Medien.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen