Donnerstag, 9. Februar 2012

Die Nase voll.


Dieser fünfte Monat scheint mich auf die Probe stellen zu wollen, denn bisher hat er es mir nicht sehr einfach gemacht. Momentan kommen einfach viele Dinge zusammen, auf die ich auch gut verzichten könnte. Der Zusammenfall all dieser Sachen ist dann im Paket nur schwer zu ertragen. Fange ich so an…

1) Seit der letzten Woche habe ich einen anstrengenden 18jährigen, tansanischen Verehrer, der zu den hilfsbedürftigen Kindern aus dem Center gehört. Ich habe ihm ziemlich schnell zu verstehen gegeben, dass ich für uns beide keine Zukunft sehe, was dazu geführt hat, dass er geweint hat, mich trotzdem zweimal auf meinem Nachhauseweg begleitet hat und dass er seitdem nicht mehr viel mit mir geredet hat. Heute hat er dann (leider) wieder damit angefangen und musste mich natürlich auch gleich wieder begleiten, grr.
Die anderen Kinder Im Center benehmen sich zurzeit auch gerne wie kleine, zickige Mädchen, weinen wegen jeder Kleinigkeit und sind schnell eingeschnappt. Ich hoffe nicht, dass so etwas Schlimmes wie die Pubertät grassiert. Oha.
Es kann manchmal ganz schön schwer sein in der Schule, im Kinderzentrum und Zuhause Kinder jeden Alters um mich herum zu haben, puh.

2) Aus der Schule kann ich berichten, dass ich, als ich letztens aus dem Unterricht kam und ins Lehrerzimmer ging, dachte, dass wir einen Fernseher bekommen hätten. Es klang nach einem Actionfilm, erwies sich aber als die Stockstrafe für einen Jungen, wie ich feststellte. Dumm, dass ich vorher etwas anderes in Betracht gezogen hatte. Unser einziger Lehrer aus dem Kollegium hat mit einem viel zu langen und dicken Stock auf einen sich am Boden windenden Jungen eingeschlagen, der seiner Mutter anscheinend Geld gestohlen hatte, um seine Vormittage mit Keksen und Freunden zu verbringen, anstatt in der Schule. So die Version einer Lehrerin. Der Junge hat anscheinend eine Strafe zuhause verweigert (wie das denn bitte?) und nun war der Vater mit ihm zur Schule gekommen, damit die Lehrer diese vollführen könnten. Alle Lehrer guckten zu, schrieen das Kind an, lachten oder schienen die Situation auszublenden, während dieses in der Mitte des Lehrerzimmers schreiend und weinend auf dem Boden lag und versuchte dem Stock auszuweichen. Woher dieser Lehrer diese Aggressivität nehmen kann und von 0 auf 100 so zuschlagen kann, begreife ich nicht. Ich konnte mich fast nur umdrehen, habe aber am ganzen Körper gezittert. Versteh einer diese Lehrer.

3) Auf dem Weg von der Schule zum Center fuhr vor mir ein Motorrad. Ich konnte zusehen, wie eine Frau vom Straßenrand dem Pikipiki in den Weg sprang, vortäuschte, er hätte sie angefahren, um dann zu versuchen ihm die Tasche zu klauen. So war ich schon vorbereitet, als sie bei mir dasselbe versuchte. Nur trotzdem habe ich mich erschreckt, dass ich sie „fast angefahren“ hätte mit meinem Rad, während sie versuchte an meinen Rucksack auf dem Rücken zu kommen. Ich konnte zum Glück einen Bogen fahren und bin ordentlich in die Pedale getreten, aber schön, war das trotzdem nicht.
Das nächste Mal werde ich beim Fahrradfahren am Arm festgehalten, bekomme einen Klaps verpasst und darf mich freuen, weil ich „Baby, I love you!“ zuhören bekomme. Wildfremde Menschen meinen, sie dürfen sich das erlauben, nur weil sich meine Hautfarbe von der ihren unterscheidet. Angesprochen zu werden, blöde Sprüche zu hören, das bin ich ja gewohnt, aber dieses anfassen müssen, damit kann ich mich nicht anfreunden. Da fühlt man sich manchmal schon leicht wie im Zoo. :D

4) Am selben Tag ist ein Onkel hier zu Besuch, den ich schon öfter gesehen habe und sagt mir beim Handschütteln in einem Raum voller Leute „Hujambo. I love you!“ Und keiner außer mir hat es verstanden. Warum so etwas immer sein muss, habe ich noch nicht verstanden. Seine Frau sitzt schließlich neben ihm, er ist 20 Jahre älter als ich. Wo ist der Sinn der Sache? Momentan haben wir jeden Tag Besuch, weil Mama jeden Tag ein extra Essen bekommt, was Freunde und Verwandte für sie kochen. Auch wenn ich mit den mir bekannten Leuten auf Swahili rede, unterhalten sie sich dann über meinen Kopf hinweg, um unser Gespräch durch das Hausmädchen vermitteln zu lassen. D.h. obwohl ich sie in ihrer Sprache anrede und die Antwort meistens verstehe, gehen sie dazu über, über mich zu reden, auch wenn ich daneben stehe oder lassen vermitteln. Für sie bin ich vielleicht doch noch Jemand, der hier nur wohnt.

5) Letzten Dienstag habe ich mich dann unfreiwillig mit meinem Gastbruder Justo angelegt. Ich lag schon im Bett, als ich vor meiner Tür Brenda (12) laut schreien hörte. Als ich danach dann noch das „Ssssst“ des Stockes in der Luft hörte, bin ich gleich hinaus. Da stand sie auch und Justo redete wild auf sie ein. Ich dachte, dass die Situation schon vorüber wäre und wollte nur sichergehen, dass er nicht noch einmal zuschlug. Aber weil Brenda nicht zu weinen aufhören wollte, hat Justo sie weiter geschlagen. Gerade eben dahin, wo er sie erwischen konnte. Sie rannte weg und er hinterher. Nachdem ich sie getröstet hatte und sie sich wieder in die Küche getraut hatte, schien er aber noch nicht genug zu haben und er versuchte weiter auf sie einzuschlagen. Ich habe mich dann vor Brenda gestellt, was Weiteres verhindert hat. Um seine Aggressionen herauszulassen, hat er dann jedem x-beliebigen der Kinder einen leichten Schlag mit der Hand auf den Kopf verpasst, nachdem Farida ihm den Stock geklaut hatte.
Ich hätte mich nicht dazwischengestellt, wenn es nicht eindeutig an Schlägen gereicht hätte. Dass in Tanzania geschlagen wird, habe ich begriffen. Dass ich daran nicht zu viel ändern kann, habe ich vielleicht auch schon eingesehen, aber an einem gewissen Punkt reicht es dann auch. So wusste ich, dass ich mich meinem ältesten Gastbruder nicht in den Weg stellen darf, aber was soll ich machen, wenn er einfach immer weiter schlägt? Damit habe ich seine Autorität missachtet und ihm im Beisein aller Kinder gesagt, dass ich ihn so nicht respektieren kann. Dabei ist/war er bisher meine engste Bezugsperson in der Familie. Nicht gut. Wir haben dann später noch etwas diskutiert, wo er mir nicht geglaubt hat, dass das Schlagen in Schulen in diesem Land verboten ist. Ich habe ihm auch gesagt, dass es mir Leid tut, ihn in so eine blöde Situation gebracht zu haben, aber dass ich es beim nächsten Mal rein aus einer inneren Verpflichtung wieder tun werde. Aber bloß zuzuschauen wäre noch schlimmer, als alles andere. Auch wenn es vielleicht richtig wäre? ich weiß es nicht. Das kann ich auch (leider) nicht.
Den Rest der Woche haben wir uns wieder gut verstanden. Bis gestern.

6) Zuerst wurde vorgestern den Hausmädchen die Hälfte ihres Gehaltes gestrichen, weil ein Sack Bananen verschwunden ist. So viele Bananen könnten sie nie im Leben essen und verstecken auch nicht, hat mir Lucia gesagt, die daraufhin den ganzen Tag nur geweint hat. Da muss ich ihnen Recht geben. Wir anderen wurden auch erst gar nicht befragt, auch hart. Nun ja, somit bekommen Farida und Lucia nun nur noch 5 Euro statt 11 pro Monat, mit denen sie auskommen müssen. Das ist auch für Tanzania wenig, habe ich mir sagen lassen.

Gestern hat Justo dann noch einmal irgendeiner Aggression freien Lauf gelassen. Er hatte Lucia bereits am Kopf geschlagen, weil ihm irgendetwas nicht passte. Doch dann sollte sie seine Kleidung waschen, worauf sie ihm aber nicht antwortete. Sie hatte einfach Angst vor ihm, er hat sich aber dadurch provoziert gefühlt. Nachdem er sie mehrmals aufgefordert hat und ihr gedroht hat, sollte sie seine Kleidung dann in ihr Zimmer bringen (dort schlafen sie zu fünft) und später waschen. Als die beiden um die Ecke gingen, habe ich mir schon gedacht, dass das nicht ganz koscher ist. Und richtig, als ich gerade dazukam, konnte ich sehen, wie er mit seinen Fäusten ihr direkt ins Gesicht und auf den Kopf schlug. Und durch die häuslichen Tätigkeiten hat so gut wie jeder männliche Tansanier genug Muskelkraft, um damit ordentlich zuschlagen zu können. Ich habe versucht zwischen die beiden zu kommen, weil Justo mich normalerweise nicht schlagen sollte, aber er hat es geschafft trotzdem weiter zuzuschlagen. Bis ich die beiden ganz getrennt hatte, hatte Lucia noch einiges einstecken müssen. Mein Gastbruder ist dann weggegangen und zurück blieb eine am Boden liegende und schluchzende Lucia. Alle Kinder hatten sich um sie versammelt, aber keines traute sich oder wollte ihr helfen. Als ich mich vergewissert hatte, dass es ihr einigermaßen gut ging, war mir dann alles egal und ich bin zur Mama gegangen. Die lag zwei Zimmer weiter mit dem Baby im Bett und hatte anscheinend von allem nichts mitbekommen. Dabei waren wir laut genug gewesen. Ich war dann so fies und habe der Mutter von dem Geschehenen erzählt und damit Justo „verpetzt“, aber irgendwo hört auch der Spaß auf. Sie hat dann Justo noch einmal gesagt, was wir alle schon vorher wussten; dass Lucia nicht dafür zuständig sei, seine Kleidung zu waschen. Tja…Weitere Konsequenzen wird es aber wahrscheinlich nicht geben, auch wenn sich die Hausmädchen wünschen, wieder nach Hause gehen zu dürfen, wird das wohl erst einmal nicht der Fall sein.

7) Zusätzlich habe ich gerade mal wieder/immer noch ein Trinkwasserproblem, weil alles Wasser hier im Haus verölt ist. Damit habe ich mir dann auch meinen Wasserfilter vollgeölt und musste am Wochenende zusehen, dass ich von anderswo Wasser herbekomme und meinen Filter irgendwie wasche. So habe ich letztendlich eine 20 Liter Gallone Wasser auf meinem Kopf tragen müssen. Aber nun weiß ich, das ist unschaffbar. xD Ich bin nach der Hälfte der kurzen Strecke nahezu zusammengeklappt… 10 Liter schaffe ich aber schon. :-)

Nun ja. Das Gesamtpaket all dieser Dinge ist etwas krass und momentan auch etwas viel für mich, weil es alles innerhalb von weniger als zwei Wochen passiert ist. Viele dieser Dinge hätten nicht passieren müssen und tragen nicht dazu bei, dass ich mich hier noch etwas wohler fühlen kann. Aber nun habe ich sie hinter mir, mich über 2,5 Seiten lang beschwert und hoffe, dass in den nächsten zwei Wochen nicht mehr allzu viel Nervenaufreißendes folgt. Aufzugeben habe ich noch nicht in Betracht gezogen und werde ich hoffentlich auch nie müssen. ;-) PUH!

So, das waren meine letzten zwei Wochen. Dafür beginnt morgen ja schon das Wochenende und ich werde für eine Nacht nach Iguguno zu Rike fahren, um hier mal raus zu kommen. :-)

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