Montag, 30. Januar 2012

"Das Mädchen für alles"


Meine Gastfamilie beschäftigt zwei Hausmädchen, Farida (14) und Lucia (19). Sie kochen, putzen, arbeiten auf dem kleinen Feld neben dem Haus und erledigen auch sonst anfallende Arbeit. Als sie im Oktober hier anfingen, habe ich mich noch nicht so gut mit ihnen verstanden, weil beide etwas verrückt sind, so in mein Zimmer kamen und Lucia unter anderem immer wieder gerne ihren Oberkörper vor mir entblößte. Beide standen kichernd vor meiner Zimmertür, versuchten bei jeder Gelegenheit einen Blick ins Innere zu erhaschen, machten sich einen Spaß daraus meine Tür von außen zu verriegeln und lachten mich für mein Anfänger-Kiswahili aus. Kurzum, sie haben es mir schwer gemacht, sie zu mögen.
Lucia an Weihnachten

Großartig geändert hat sich das noch nicht, weil sie mich täglich fragen, ob sie dies oder das von mir haben können (Geld, Füller, Handy usw.) oder wenn ich Post bekomme, diese am liebsten noch vor mir öffnen wollen. Wenn es nach ihnen ginge, dann müsste ich alles mit ihnen teilen und hätte keine Privatsphäre. Meine Gastgeschwister sind da nicht so aufdringlich. Farida stellt aber auch gerne mal ihren Fuß in die Tür, wenn ich gerne einmal meine Zimmertür hinter mir zumachen würde.
Farida
Mittlerweile kommen wir sehr gut miteinander aus, auch wenn sich ihr Verhalten nicht geändert hat. Farida lacht immer noch über alles und jeden und Lucia möchte weiterhin einfach alles haben, was mir gehört. Aber wenn ich nach Hause komme, sind es die beiden, die mich begrüßen. Die Kinder sind in der Schule, die Älteren nutzen ihre Ferien von der Secondary School dazu, dass sie den Bau der beiden neuen Lodgen überwachen oder helfen im kleinen Laden des Vaters. Weil meine Gastmutter gut drei Viertel des Tages aufgrund ihrer Schwangerschaft (und nun weil das Baby seit Samstag da ist) im Bett verbringt, verbringe ich die meiste Zeit mit Farida und Lucia. Weil sich mein Kiswahili verbessert hat, reden wir über dies und das und ich konnte etwas mehr über die beiden erfahren.

Lucia (19) zum Beispiel wurde nach der Primary School (7 Jahre lang), also ca. im Alter von dreizehn Jahren an einen weitaus älteren Mann verheiratet. Dieser hat sie zum Geschlechtsverkehr gezwungen, sie täglich geschlagen und auch sonst alle Arbeiten verrichten lassen. Nachdem Lucia schwanger wurde und es ihr dort immer schlechter ging, hat sie sich geweigert weiter mit ihrem „Ehemann“ zu schlafen, weshalb der sich von ihr hat scheiden lassen. Es wird als „Schuld“ der Frau angesehen, wenn diese „ungewollt“ schwanger wird. Für Verhütungsmethoden wird zwar geworben, doch viele verweigern sich diesen. So wird der Frau beispielsweise vom Mann verboten durch die Pille o.ä. zu verhüten. Wird sie schwanger, dann hat sie ihren Körper nicht im Griff.  Die Scheidung von Lucia und ihrem Mann lief aber nun nur so ab, dass er ihr sagte, sie solle das Haus verlassen und sich nicht wieder zeigen. Scheidung vollzogen. Offiziell lässt sich also nichts beweisen.
Lucia und ich
Lucia, froh darüber, diesen Mann verlassen zu dürfen, ist wieder zu ihrer Familie nach Iguguno (wo Luise und Rike wohnen) zurückgekehrt. Weil er, so scheint es, aber keinen anderen Geschlechtspartner fand und ihm seine Frau „einfach weggelaufen“ war, hat er sie und das Kind zuhause aufgesucht. Lucia wurde von ihrer Familie nahe gelegt, dass sie doch bitte wieder an ihren angetrauten Platz zurückkehren solle, denn schließlich hatte man vom Bräutigam damals Kühe für Lucia erhalten. Da die Familie nicht im Stande war, den Brautpreis zurückzuzahlen und Lucia freiwillig nicht wieder sich diesem Mann unterstellt hätte, hat man sie zu uns, nach Singida geschickt. Hier versteckt sie sich nun vor ihrem „Ehemann“, einem Mann, mit dem sie Kühe, Prügel und ein gemeinsames Kind verbinden und der sie immer noch zu suchen scheint. Wo das Kind ist und wie alt es mittlerweile ist, weiß ich nicht.
Nachdem ich das wusste, tat es mir schon Leid, dass ich sie am Anfang für etwas komisch gehalten habe. Aber leicht hat sie es mir auf keinen Fall gemacht. Doch wir verstehen uns nun gut. Sie kocht mir manchmal Spaghetti mit klasse Soße, wenn es mal wieder Ugali gibt, und hilft mir beim Zubereiten von „Katchumbari“ (Salat aus Tomate und Zwiebel), den ich sehr gerne esse. Dafür wiederum profitieren Farida und Lucia davon, einen „Mzungu“ (also mich) im Haus zu haben. Weil sich Mama und die anderen Familienmitglieder nicht sonderlich Gedanken um die beiden machen, kommen sie zu mir, um sich bei kleineren Dingen verarzten zu lassen, mein Handy auszuborgen, um zuhause anzurufen, Brot oder Milchpulver abzustauben oder Seife auszuleihen. Es ist aber auch wirklich klasse, dass einer der beiden mir gerne hilft, wenn ich mit einem Stück altem Pullover meinen Zimmerboden wischen soll oder z.B. ein mein Bettlaken waschen möchte.
Farida kocht "Weihnachtsessen"

Ein Hausmädchen zu haben, ist in Tansania kein besonderer Luxus, sondern eher Standard bei größeren Familien. Mama Ngure kocht kaum, die Kleidung von ihr und Baba waschen auch die beiden. Es hat jeder seine Aufgabe und bei dem wenigen Gehalt für ein Hausmädchen, lohnt es sich, jemanden zu haben, der die Arbeit macht, die keiner will und dem man auch gerne die Schuld für vieles in die Schuhe schieben kann.
So ist das leider. Beide haben nur die Grundschulbildung und sind deswegen nicht besonders helle und das wird gerne ausgenutzt. Bei einem kleinem Streit zwischen den Kindern hat letztendlich die unbeteiligte Lucia, die „zu dumm dafür sei, für ihr Kind zu sorgen“ von Justo alle Schuld bekommen und wurde von ihm als „Ding“ bezeichnet. Das hat mich ziemlich geschockt und scheint sie verständlicherweise sehr verletzt zu haben.

Fazit: Die beiden laden durch ihr Verhalten und das ständige Ausnutzen meiner Person und kleine Fiesigkeiten nicht dazu ein, sie zu mögen, werden aber auch nicht freundlich behandelt. Sodass ich dann mehr mit ihnen mache, was aber ganz schön anstrengend sein kann, weil ich immer darauf gefasst sein muss, dass es nachher doch nur wieder darauf hinausläuft, dass sie irgendetwas von mir haben wollen. Aber ich mag sie trotzdem. :-)

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