Samstag, 8. Oktober 2011

Negative Motivation, eine ganz normale Unterrichtsmethode ?

Den Tag gestern (Freitag, der 7.Oktober 2011) , hätte ich am liebsten aus dem Kalender streichen wollen. Zwar gelang es mir endlich im Internetcafé via Skype zum ersten Mal mit meinem Freund reden zu können, doch ansonsten ging alles schief.

Schon auf dem morgendlichen Weg zur Schule kam eine meiner drei Hosen in die Kette meines Fahrrades und hatte sofort mehrere Löcher. Also musste ich in der Pause zum Schneider und sie flicken lassen. Das hieß dann, dass ich mich in einem winzigen und offenen Laden zur Straße hin umziehen musste, ein Tuch um mich wickeln musste und auf meine geflickte Hose gewartet habe. Auf dem Rückweg von der Schule ist sie noch einmal in die Kette gekommen und hat jetzt neben blöden Flecken auch einen großen Riss. Mal schauen, ob man das noch nähen kann. Das hat mich besonders geärgert, weil ich nicht so viele Hosen habe, ich hier keine für mich kaufen könnte/wollte und ich in dieser Woche nur damit beschäftigt war, mein Rad dreimal reparieren zu lassen, mein Handy wieder in Gang zu bringen und schon wegen anderen Sachen beim Schneider war.

Das war zwar alles blöd und hat mich geärgert, aber ich war danach immer wieder froh, wenn es repariert war.

In der Schule wurde es dann auch nicht besser.
Als ich gerade auf dem Weg zu meiner Klasse war, lief ein weinendes, kleines Mädchen an mir vorbei, dass sich die Hand hielt. Ich habe sie getröstet und dann eine andere Lehrerin gefragt, was denn passiert sei. Sie sei geschlagen worden, weil sie keinen Bleistift hatte.
Sie tat mir so leid und ich war wütend, wie man einem kleinen Kind willentlich für eine Lappalie so wehtun kann, dass ich einfach mitweinen musste. Das ist als Lehrer natürlich nicht gerade das Beste und meine Klasse konnte aus dem Fenster alles mitverfolgen, na klasse.^^
Die Lehrer haben versucht mir zu erklären, dass das nicht schlimm sei für die Kinder und dass ich mir keine Sorgen machen müsse. Aha...

Doch dann habe ich in meiner nächsten Unterrichtsstunde aus dem Klassenfenster mitverfolgen können, wie eine Lehrerin die Kinder der 1. und 2. Klasse mit einem ziemlich dicken Stock mehrmals auf die Finger gehauen hat, wie diese zusammenzuckten und weinten. Das Erlebnis zuvor noch in den Gliedern, wusste ich nichts anderes zu tun, als aus dem Unterricht zu gehen, um mit dieser Lehrerin zu reden. Normalerweise ist es ein dünner Stock, mit dem die Kinder geschlagen werden und die Lehrer holen nicht so weit aus...
Ich habe ihr dann meine Position erläutert und ihr erklärt, dass ich es nicht verstehe, warum man Schüler haut, die doch gar nichts Schlimmes gemacht haben. Klar, ich bin dann die „Weiße“,  mit ihren komischen Ideen, keine gute Vorraussetzung. Aber in Tansania ist es offiziell verboten, Kinder in der Schule zu schlagen und das war schon einmal ein gutes Argument. Ich gefiel mir nicht gut in der Rolle und möchte mich auch gerne ins Kollegium integrieren und mit allen Lehrern klarkommen, aber ich musste ihr einfach sagen, wie brutal und sinnlos das ist. Welches Kind hätte nicht gerne einen Bleistift? Und wenn die Eltern kein Geld haben usw., dann helfen da auch keine Schläge. Ich habe mir dann das Versprechen geben lassen, dass sie versucht, andere Methoden zur Motivation einzusetzen (das Schlagen läuft hier unter „Negativer Motivation“), ob das etwas gebracht hat, weiß ich nicht. Aber bei diesem dicken Stock und den zusammenzuckenden Kindern, konnte ich einfach nicht anders. Natürlich wusste ich vorher, dass das in Tansania so gehandhabt wird, aber ein dünner Stock und ein paar Schläge auf den Po sind da dann doch noch etwas anderes. Das könnte ich hier denke ich auch keinem Lehrer abgewöhnen, auch wenn der Schulleiter selbst das nicht für gut erachtet.
Ich weiß letztendlich nicht, ob das gut war, dass ich dahin gegangen bin, aber ich konnte das nicht mehr länger mit ansehen.
Ob ich am kommenden Montag nun mit harten Blicken bedacht werde, wird sich zeigen. Aber eine Lehrerin, die mit mir gekommen war, um zu übersetzen meinte zu mir, dass es nicht schlimm sei, zu sagen, was man denkt und andere damit in Schutz zu nehmen und dass mir das bestimmt nicht übel genommen werden würde. Ich habe die andere Lehrerin auch nicht vor ihrer Klasse angesprochen und sie damti auch nicht lächerlich gemacht, sondern ihr nur „unter Kollegen“ meine Meinung gesagt. Ich hoffe, dass sie das einigermaßen versteht, denn ärgerlich war sie danach schon, puh.
Dass in Deutschland die Schulsituation vor noch gar nicht mal so langer Zeit ganz ähnlich war, kann man dabei schnell vergessen, das habe ich ja nicht mehr selbst erfahren, zum Glück. Es ist schwer mit anzusehen, was für „Machtspiele“ manche Lehrer treiben und wie sie ihre Autorität auch in anderen Bereichen ausnutzen. So werden Schüler losgeschickt, um neues Handyguthaben, einen Pausensnack, Getränke, Kreide, Hefte, das eigene Portemonnaie, das im Lehrerzimmer vergessen wurde, usw. für die Lehrer zu holen…

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