21. Oktober 2011
Ein Haus mit X, das war wohl nix…
Läuft man von meinem Haus die Arusha Road in die Stadt hinein, dann wundert man sich, dass so gut wie jedes Haus, Straßenschild oder Pfeiler mit einem gesprayten, roten „X“ gekennzeichnet ist. Schon auf meiner acht Stunden langen Busfahrt von Arusha nach Singida, auf der ich genügend Zeit zum „Aus-dem-Fenster-Gucken“ hatte, habe ich mich über diese Kennzeichnungen der Häuser gewundert. Ich meine, wenn jedes, also wirklich jedes Haus, das ich auf dem Weg gesehen habe, ein „X“ trägt, warum lässt man es dann nicht gleich sein?
Am Anfang dachte ich noch, dass ein „X“ für eine dort lebende Familie stehen würde, weil teilweise auch ein „X“, ein Strich dazwischen und dann wieder ein „X“ zu erkennen war. Weil sich aber schon nach kurzer Zeit herausstellte, dass in einem Haus meistens mehrere Parteien wohnen, die sich dann einen Hof teilen, konnte das also nicht richtig sein.
Letztes Wochenende habe ich mich dann einmal erkundigt und ein anderer Freiwilliger wusste Bescheid:
Vor, ich weiß nicht wie langer Zeit, brauchte die Regierung irgendeine Methode, mit der sie eine Straße zur Hauptstraße erklären konnte. Also haben sich ein paar Regierungsbeauftragte in ihr Auto gesetzt und sind verschiedene Straßen Tansanias entlanggefahren. Jede Straße, die sie dabei benutzten, wurde umgehend zur Hauptstraße erklärt. Zugleich wurde eine neue Vorschrift verabschiedet, die besagt, dass auf 30 m Entfernung zur Straße nichts fest stehen dürfe. Um die neuen Regelbrecher zu kennzeichnen, bekamen alle Häus, alle Gartenmauern und viele Straßenschilder ein knallrot gespraytes „X“ verpasst. Diese Kennzeichnung verpflichtet ein jeden. den besagten Gegenstand umgehend abzureißen. Das bedeutet, dass die eigene Existenz, aufgrund eines unnötigen, neuen Gesetzes, vom Häuslebauer selbst, binnen einer bestimmten Zeit, vernichtet werden soll(te). Die meisten Häuser stehen zwar noch, jedoch findet man auch viele leer stehende und halb fertig gebaute Gebäude am Straßenrand, manche sind nur noch Ruinen und tragen nicht zum Stadtbild Singidas bei.
Manche Tansanier haben nach der Rundfahrt der Regierungsbeauftragten einfach ihrem Haus eine neue Grundierung verpasst, sodass das „X“ nun nicht mehr zu sehen ist, andere haben die Chance genutzt und an der Stelle Schilder oder Plakate angebracht, aber die meisten „X“ springen einem noch ins Auge, wenn man sich auf einer so genannten „Hauptstraße“ bewegt.
Das Witzige an der Sache ist…
1. dass es eine total schwachsinnige Aktion ist,
2. die Leute selbst den Schaden würden tragen müssen, wenn ihrem Hab und Gut etwas zustieße, weil sie nur ganze 15 Meter vom Straßenrand gebaut haben,
3. ganze Familien ihre Existenz verlieren würden,
4. weil niemand sein selbst zusammengespartes und –gebautes Haus abreißen würde,
5. auch öffentliche Gebäude, wie Schulen und Krankenhäuser dem Erdboden gleich gemacht werden müssten,
6. sogar Straßenschilder für die Geschwindigkeit oder mit den Ortsnamen darauf, abgebaut werden müssten
7. und bis jetzt anscheinend noch keiner die Befolgung dieses Gesetztes kontrolliert hat…
| Ruine, in der ein Billardtisch aufgebaut wurde und täglich gespielt wird. Das rote "X" ist links unter dem Pavillon zu erkennen. |