Eine einfache Frage mit einer schweren Antwort. In meiner Zeit hier musste ich mich schon oft vorstellen, was nicht immer nur wegen meines „schweren“ Namens mit einem „r“ in der Mitte ein Problem war.
Mittlerweile heiße ich „Amhai, Amgay oder Amugali“ (weil Ugali nicht zu meinen Lieblingsgerichten gehört) und nicht einmal Richard, unser Mentor, kann meinen Namen schreiben. Als ich letztens dann ein T-Shirt anhatte, wo mein Name draufstand, haben mich alle gefragt, warum ich denn bitte felsenfest behaupten würde, dass man ihn anders aussprechen würde, wenn er sich doch „Amray“ lesen würde. Tja. Friederike hat es aber auch nicht viel einfacher. Weil Frederick ja eindeutig ein Jungenname ist, darf sie so nicht heißen und jeder kennt sie nur unter Rike. Luise hat eigentlich noch die lustigsten Spitznamen abbekommen, die auf jedem ausgestellten Busticket erneut verhunzt werden. Aus Lusie wurde Luzy, Lui Luse und mittlerweile nenne auch ich sie Luse. ;-)
Aber damit lässt sich ja klarkommen. Nur wenn mir jemand dann sagt, dass mein Name falsch sei, dann wundere ich mich doch schon.
Grund dafür ist, dass in Tansania jeder Mensch drei Namen hat. Der erste Name ist der eigene Vorname, der zweite der Vorname des Vaters und der dritte der Name des Großvaters väterlicherseits. Weil ich noch nicht einmal einen Doppelnamen habe, den ich schummelnd angeben könnte, haben meine Eltern laut so manchem tansanischem Staatsbürger etwas grundlegend falsch gemacht.
Werde ich dann nach meinem „Father’s name“ gefragt, sorge ich noch mehr für Verwirrung, denn obwohl ich bekanntlich einen Vater habe, trage ich dennoch nicht seinen Vornamen. Doch kompliziert wird es dann, wenn man z.B. wie Rike versucht „M-PESA“ zu nutzen - sich Geld über das Handy zuschicken zu lassen. Denn dafür braucht man nun mal einen Namen mehr. Die Leute ließen nicht mit sich verhandeln, kein Zwischenname – kein Geld. Nach ca. 2,5 Stunden hieß Rike dann mit 2. Namen Paula und die Sache war geklärt. So einfach geht das, man muss es nur wissen.
Als ich dann letztens die Hefte meiner Schüler korrigiert habe, habe ich mich gewundert, ob ich einen Neuen in der Klasse habe, denn wer war „Abdallah Maulidi“? Die anderen Lehrer hatten auch keine Ahnung. Ich habe ihn rufen lassen und vor mir stand mein Schüler, der zwar mit Nachnamen Maulidi hieß, jedoch einen anderen Vornamen trägt. Auf die Frage, warum er „Abdallah“ auf sein Heft geschrieben hatte, sagte er, dass das sein Hausname sei. Achso, der „Hausname“, na klar. Aber bitte was sollte das denn sein?
Nach weiteren Recherchen habe ich herausgefunden, dass meine Schwester Enjo in der Schule Grace heißt, ihren „Hausnamen“ kennt keiner, nur die Familie. Da hat jeder Tansanier also mindestens vier Namen und ich bleibe bei meinen kärglichen zwei Namen.
Noch etwas verstrickter wird es dann, wenn Kinder beschließen, ihren Namen einfach anders zu schreiben. So wurde aus „Abdallah“ „Abdilahi“, der wiederum „Abdilai“ ausgesprochen wird. Aus „Goodluck“ wird „Gud Luk“ und so weiter…Im Center hat sich mein Nachhilfeschüler „Selemani“ nun von einem Tag auf den anderen entschlossen, „Salumu“ zu heißen. So einfach geht das.
Aber noch ist nicht Schluss, denn kommt das erste Kind, dann wird, wie z.B. aus meiner Gastmutter Maria Ngure „Mama Justo“, weil ihr Erstgeborener so heißt. Der Vater hat das gleiche Schicksal. Nun kenne ich aber z.B. schon drei „Mama Pendos“, wer ist denn nun gemeint? Und da verliert dann auch schließlich der Tansanier seinen Überblick.
Letzten Samstag ist die beste Freundin meiner Gastmutter im Alter von 48 Jahren nach einer verpfuschten Operation am Bauch gestorben. Aber wie hieß sie denn nun? Den Leuten ist sie nur unter „Mama Zusy“ bekannt, ihr wahrer Name lautete „Sescilia Peter Kaess“, aber weil sie den Namen nicht mochte, hat sie sich wiederum unter einem anderen Namen vorgestellt. Nachdem ich mir für ihre Beerdigung vom Center frei genommen habe, hat mich Sister Hilda (leitet das Kinderzentrum) gefragt, wer denn gestorben sei. Mit Mama Zusy konnte sie nichts anfangen und sie ging nicht zur Beerdigung. Zwei Tage später saß sie mit Tränen in den Augen in unserem Aufenthaltsraum und sagte mir, die Verstorbene sei eine Art Freundin von ihr gewesen und sie sei nun nicht bei der Beerdigung gewesen, weil sie sie unter einem anderen Namen kannte. Und spätestens da hört der Spaß mit dem Namenswirrwarr auf.
Wie viele Menschen Mama Zusy nun unter ihrem echten, ausgedachten oder Hausnamen kannten und nun zu ihrem Grab finden, lässt sich nur vermuten.
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